Religionen in Indien

In Indien sind große Religionen entstanden und einige wurden durch Zuwanderung „importiert“. In Indien wird dem Glauben (sowie Aberglauben) ein hoher Stellenwert zugeschrieben. Im Leben vieler Inder sind Zauberei, Geister und Wunder fester Bestandteil ihres Lebens.

Hinduismus

Der Hinduismus stellt in Indien die mit Abstand größte und wichtigste Religion dar, da ihm fast 80 % der Inder angehören.

Alter: 5.000 Jahre alt

Angehörige weltweit: 1 Mrd.

Basis: ist eine Sammlung von Wissen, Philosophie und Ethik (Überlieferung durch die Veden). Es gibt keinen gemeinsamen Stifter, keine einheitliche Lehre oder Ritus. Die Gemeinsamkeit liegt im „Dharma“, dem ewigen Gesetz für Ordnung in Leben und Universum.

Ideologie: der Kosmos wird als Ganzes gesehen, das vom Weltgesetz (Dharma) beherrscht wird. Das bedeutet, dass sich jedes Wesen so verhalten soll, wie es seinem Platz in der Welt entspricht. Die Seele wird, abhängig von den guten oder schlechten Taten im Leben, in einer höheren oder niederen Form wiedergeboren. Dieser Kreislauf gilt als Leiden, dem es zu entkommen gilt. Die Seele kann nur durch „Moksha“, die Befreiung aus dem Kreislauf von Tod und Wiedergeburt im „Nirvana“ erlöst werden.

Gottheit: Der Hinduismus ist keine polytheistische Religion: alle Götter – je nach individueller Glaubensausrichtung – können Ausdruck des einen Gottes oder auch der unpersönlichen Weltseele (Brahman) sein. Es gibt drei zentrale Gottheiten: Brahma (Weltschöpfung), Shiva (Zerstörung), Vishnu (Erhalt) sowie die Verehrung von Geistern, weiteren Gottfiguren und Helden, welche sich „bhakti“ nennt.

Krishna ist der Ursprung aller Götter. Rama Krishna war ein Brahmane mit der Vision, dass Gott in jeder Religion gefunden werden kann. Die bekannte Hare-Krischna-Bewegung wurde hingegen 1966 in den USA gegründet und verehrt Krishna als höchsten Gott. Sie fordert von seinen Jüngern Rauschmittel, Glücksspiel, außerehelichen Sex und ekstatische Gottesverehrung.

Hauptrichtungen: sind der Shivaismus, Vishnuismus sowie Shaktismus (die Verehrung Gottes in weiblicher Form und weibliche Schöpfungsenergie durch rituelle Sexualität). Des Weiteren ist der Tantrismus von Bedeutung, der mit magisch-mystischen Mitteln eine Befreiung vom Irdischen anstrebt (Göttliche Einheit durch sexuelle Vereinigung, Annahme, dass der Körper kosmische Energie braucht und sechs Shakren in der Wirbelsäule und eine über Scheitel in der Aura liegen)

Soziale Struktur: Kastensystem

Als sich um 1.500 v. Chr. die Arier in Indien ansiedelten, bestand bereits ein Klassenunterschied zwischen den Adeligen und dem Stammesvolk. Diese verstärkten sich, als sie sich unter den dunkelhäutigen Ureinwohnern des Subkontinents niederließen, welche zu Sklaven degradiert wurden, während die Priester zunehmend an Macht gewannen. Schließlich kam es zu einer Aufspaltung der Gesellschaft in vier Klassen:

  • Priester & Gelehrte: Brahmanen (Farbe Weiß)
  • Krieger: Kshatriyas (rot)
  • Händler & Bauern: Vaishyas (gelb)
  • Arbeiter & Untertanen: Shudras (schwarz)
  • außerhalb dieser Kasten „Varnas“ stehen die „Unberührbaren“ („Paria und Harijans“ bzw. sie nennen sich selbst „Dalits“). Es handelt sich Großteils um Nachfahren der indischen Ureinwohner. Unberührbare haben unreine Berufe wie Friseur, Wäscher oder Müllmann und leben getrennt von anderen Kasten. Bis heute erkennt man die Kaste v.a. am Beruf der jeweiligen Person.

Hinweis: Das soziale Ansehen und der Wert einer Person auf dem Heiratsmarkt hängt weiterhin stark von seiner Hautfarbe ab, wobei eine dunkle Hautfarbe oftmals verachtet wird.

Wiedergeburt/Erlösung: Während des Lebens wird je nach Verhalten gutes oder schlechtes Karma angehäuft. Dieses ist entscheidend für zukünftige Reinkarnationen und die Erlösung. Die persönliche Erleuchtung ist der Endpunkt der Entwicklung des Geistes und kann durch drei Methoden erreicht werden: Bhakti Yoga (die Verehrung Gottes), Karma-Yoga (den Weg der Tat) & Jnana Yoga (den Weg des Wissens). Die vier Ziele der Hindus sind dharma (Tugend), artha (Wohlstand), karma (Liebe & Freundschaft) und moksha (Erlösung).

Der wichtigste Pilgerort für gläubige Hindus ist Varanasi am Ganges, welches als Stadt des Gottes Shiva „Herr des Alls“ gilt. Es gilt als erstrebenswert, im Ganges zu baden, um sich von Sünden zu reinigen, in der Stadt zu sterben und dort verbrannt zu werden. Entlang des hoch giftigen und verunreinigten Flusses befinden sich kilometerlange Stufen, die Ghats, auf denen Gläubige baden, während in unmittelbarer Nähe Leichen verbrannt und dem Wasser übergeben werden.

Feiertage:

  • Diwali-Fest: am Abend vor Neujahr zu Ehren des Gottes Rama, der nach 14 Jahren Exil mit seiner Frau Sita und seinem Bruder Lakshmana in die Hauptstadt Ayodhya zurückkehrte. Dabei werden Lichter entzündet und auch auf den Gewässern verteilt.
  • Holi-Fest: Frühlingsfest, bei dem sich Menschen mit farbigem Pulver bestreichen und dem Sieg des Guten über das Böse gedenken (wie der Sieg des Frühlings über den Winter).
  • Durga Puja: Fest zu Ehren des Siegs der Göttin Durga über den Büffel-Dämonen Mahishasura.

Vegetarische Ernährung/Heilige Kuh: hinduistischen Schriften forderten verstärkt den Verzicht auf Fleisch. Vegetarismus ist für Hindus kein Dogma, wird jedoch als die ethisch höhere Lebensweise angesehen. Die wichtigsten Wurzeln der Verehrung von Kühen sind die Veden, in denen immer wieder das Bild der Heiligen Kuh als göttliches Wesen vorkommt.

Rolle der Frau: ein Initiationsritus ist nur männlichen Angehörigen der oberen Kasten vorbehalten und stellt deren kulturelle Geburt dar. Wichtig für das Frauenbild ist Sita, die Frau Ramas. Sie stellt die opferbereite Gattin dar und ist für viele noch heute das Modell der idealen Frau. Ihre Hauptaufgabe ist die Mutterschaft, wofür es viele Riten gibt. Obwohl Hindus Töchter nicht geringer schätzen, gelten sie doch als Belastung, da sie bei der Hochzeit die Mitgift bringen müssen. Daher gibt es in Indien eine besonders hohe Abtreibungsrate bei weiblichen Föten.

Spaltung: Hinduismus (vedische Tradition), Buddhismus (Buddha als Inkarnation Gottes)  und Jainismus (die Seele ist in allem gegenwärtig)

Islam

In Indien leben über 120 Mio. Muslime, viele davon pflegen den Sufismus (eine mystische Variante). Der Islam kam im 8. Jhdt. mit arabischen Händlern nach Indien, wurde jedoch erst ab dem 12. Jhdt. von Bedeutung und zur Staatsreligion. 1562 bis 1858 war Indien ein Mogulreich unter muslimischer Herrschaft, die zu einer Verschmelzung der indischen und der islamischen Kultur führte.

Alter und Entstehung: Prophet Mohammed wurde in Mekka (Saudi-Arabien) geboren und hat in der Wüste gelebt, wo er seine Werte entwickelte und zur Überzeugung gelangte, dass es nur einen Gott gibt „Allah“, ein Gesetz die „Scharia“, eine Sippe, einen Glauben und den Zusammenhalt in Familie. Mohammed wanderte 622 mit Anhängern nach Medina aus, das war der Beginn der muslimischen Zeitrechnung. Sein Kampf gegen Mekka war erfolgreich und er machte den Tempel Kaaba zum zentralen Heiligtum à daher gibt es bis heute die Wallfahrt „Hadsch“. Mohammed hatte viele Frauen, was zur Grundlage für die bis heute gelebte Tradition der Polygamie darstellt. Während einer Gottesoffenbarung, der Nachtfahrt, ist er aufgefahren in den Himmel, um Gottes Weisungen zu erhalten. Die muslimische Lehre ist im „Koran“ niedergeschrieben. Er ist das Heilige Buch und die Fortsetzung von dem, was Gott früheren Propheten offenbart hat (Abraham, König David, Moses, Jesus). Darüber hinaus gilt es, sich an die „Sunna“ zu halten. In den „Hadithen“ gesammelt sind Entscheidungen und Verhaltensweisen Mohammeds und die Quelle für Traditionen und politische Praxis

Anhänger weltweit: 1,8 Mrd.

Symbol: grüner Halbmond mit Stern

Basis: Der Islam „Unterwerfung unter den Willen Gottes“ wurde durch die ersten 4 Kalifen verbreitet. „Djihad“ ist der heiliger Krieg im Inneren des Menschen, um sich zu läutern. Der erste Heilige Krieg gegen äußere Gegner fand statt, um die Herrschaft des Islam auszuweiten.

Es gibt keine Trennung von Kirche und Staat. Die Vorstellung des Paradieses für Gläubige ist jene eines Gartens mit Speisen, Betten und Huris (,,die Weißen“: Mädchen, die Männer verwöhnen). Umstritten ist im Islam der Gegensatz zwischen dem freien Willen des Menschen und der Vorherbestimmung durch Gott. Gott hat keinen 100. Namen, was bedeutet, er lässt sich mit Attributen nicht erfassen, daher gibt es einen Gebetskranz mit nur 99 Perlen, „Subha“, zum Beten.

Die 5 Pfeiler des Glaubens:

  • Schahada (Glaubenszeugnis)
  • Salat (Gebet: 5 x täglich, Fr in Moschee, Muezzin ruft vom Minarett zum Gebet)
  • Saum (Fasten im Ramadan)
  • Zakat (Barmherzigkeit)
  • Hadj (nach Mekka)

Religiöse Begriffe:

  • Mufti: islamischer Rechsgelehrter
  • Fatwas: Religiöse Gutachten des Muftis zu Alltagsfragen
  • Muezzin: ruft in der Moschee zum Gebet auf
  • Imam: geistliches Oberhaupt einer Gemeinschaft,

Gepflogenheiten: die linke Hand gilt als unrein, Speisen sollen damit nicht berührt werden. Es gibt kein Gebot zur Verschleierung, jedoch wurde dies ab dem 9. Jhdt. zur Alltagspraxis.

Untergruppen:

  • Assassinen (lsmailiten = Splittergruppe der Schiiten): erster Einsatz von Terror als politische Waffe, Überleben galt als Schande
  • Wahabiten: seit 1745 in Saudi Arabien, reiner Islam = wörtliche Auslegung des Koran
  • Salafisten: ultrakonservative, die sich an Altvorderen orientieren
  • Sufismus: eine asketische mystische Strömung
  • Islamismus: eine politische Ideologie, die sich auf den Islam beruft

Spaltung in Sunniten & Schiiten: diese erfolgte aufgrund eines Streits um Mohammeds Nachfolge. Es etablierte sich u.a. die Zwölfer-Schia: rechtliche Erbfolge der Imame: wenn der 12. Imam, der im 9. Jhdt. verschwunden ist, als Mahdi (Rechtgeleiteter) aus der Verborgenheit auftritt, wird er als Messias Gerechtigkeit herstellen >> 12 Nachkommen Mohammeds, Weitere schiitische Gruppen sind die Ismailiten (Drusen) und die Aleviten.

Feiertage:

  • Fastenbrechen (Id Al-Fitr)
  • Opferfest (Id Al-Adha): Abraham war bereit, Ismail zu opfern
  • Geburt Mohammeds
  • Nachtreise: Erzengel Gabriel führ tMohammed zur Al Aqsa Moschee & in den Himmel

Sikhismus

Etwa 20 Mio. Inder sind Sikhs. Der Sikhismus wurde im 15. Jhdt. von Guru Nanak gegründet. Es gibt keine Götteranbetung, sondern die gestaltlose Gottheit steht im Zentrum. Guru Nanak befürwortete die Gleichheit aller Menschen und war gegen Aberglauben, Astrologie, Sexismus und das Kastensystem. Es wird an zehn Gurus geglaubt, die in der Zeit von 1469-1708 die ersten Führer des Sikhismus waren. Merkmale seiner Anhänger sind ein Turban, lange Haare, ein Kurzschwert und Armreifen.

Christentum

In Indien leben über 25 Mio. Christen. Ab dem 15. Jhdt. wurde die Religion durch katholische Missionare, die mit portugiesischen Händlern mitreisten, verbreitet. Ab dem 18. Jhdt. erfolgte die Ausbreitung durch die East India Company und es wurden christliche Schulen und Krankenhäuser errichtet. Christen richteten sich gegen Riten wie die Witwenverbrennung.

Das Christentum basiert auf den monotheistischen Lehren des Judentums im Alten Testament, verehrt jedoch Jesus als von Gott gesandten Messias, der in Jerusalem hingerichtet wurde und wieder auferstanden ist. Seine Lehren finden sich im Neuen Testament. Die vier christlichen Hauptgruppen umfassen die römisch-katholische, orthodoxe, protestantische und die anglikanische Kirche.

Buddhismus

In Indien bekennen sich etwa  0,7 % der Menschen zum Buddhismus. Im 5. Jhdt. v. Chr. lebte ein Prinz aus der kshatriya-Kaste, Gautama Buddha, welcher die Botschaft von Frieden und Gewaltlosigkeit von Indien aus über ganz Asien verbreitete. Ausgangspunkt war sein Zweifel am selbstquälerischen Hinduismus, weshalb er andere Wege zur Erleuchtung (bodhi) suchte. Er erkannte Begierde als Grundproblem des Lebens, welche es zu überwinden gilt. Wie die Zahlen zeigen, ist die Religion heute in Indien kaum noch existent, im Rest Asiens jedoch sehr stark verbreitet. Der 14. Dalai Lama von Tibet lebt in Indien im Exil.

Jainismus

Eine weitere Abspaltung des Hinduismus ist der von Mahavira, dem „Weltüberwinder“, gegründete Jainismus. Etwa 4 Mio. Inder gehören dieser Glaubensgemeinschaft an. Die Religion geht davon aus, dass das Universum unendlich ist und allem eine Seele (jiva) innewohnt. Daher gibt es in der Religion ein Tötungsverbot, weshalb sich die Anhänger nur vegetarisch ernähren. Außerdem lehnen sie das Kastensystem ab. Wer sich daran hält, kann dem Glauben zufolge aus dem Kreislauf der Reinkarnation entkommen und Moksha erreichen.

Zoroastrismus (Parsen)

Weniger als 1 % der Inder sind Parsen. Die Religion kam ab dem 8. Jhdt. aus Persien. Es handelt sich um die Anhänger des Gründers Zarathustra, eine Elitegemeinschaft, die beim Aufbau Mumbais eine bedeutende Rolle spielte. Der Glaube basiert auf alten iranischen Kulten, in deren Zentrum der Schöpfergott Ahura Mazda, die unsterblichen Heiligen „Amescha Spenta“ und der böse Dämon Angra Mainyu „Ahriman“ steht. Es handelt sich um eine duale Philosophie von gut (verkörpert durch die Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer sowie Tiere und Pflanzen) und böse (repräsentiert durch tote oder verrottende Materie). Die Gemeinschaft lebt sehr abgeschottet, da man zu diesem Glauben nicht konvertieren kann. Sie gilt jedoch als weltoffen, gebildet, meist wohlhabend und sehr karitativ.

Judentum

Nach dem Fall von Jerusalem im Jahr 587 v. Chr. kamen erste Juden als Flüchtlinge nach Kerala. Während der britischen Herrschaft kamen dann weitere aus Bagdad hinzu, die als Geschäftsleute und Philanthropen bekannt waren. Während der Großteil der Juden nach Israel emigrierte, blieben nur rund 5.000 in Indien zurück. Es handelt sich um die älteste monotheistische Religion, in welcher Gott als Inbegriff ethischen Wollens gilt.

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